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Auf den Spuren des Borstenkönigs von Kanpur

Die Latouche Road führt ins Innere der Stadt. Vormittags um zehn Uhr am 12.2.1996 ist da schon fast kein Durchkommen mehr. Autos, Lastwagen und Motorroller versuchen mit wildem Gehupe die vielen Riksas und Fahrradfahrer zu überholen, die immer noch neben Pferdekarren und von Menschenhand gezogenen Lastkarren die Straße verstopfen. Die Häuser sind drei- bis viergeschossig, einige Fassaden mit einem ziselierten Steinvorbau verkleidet. Das sind die Häuser der Muslime, die in der Zweimillionenstadt Kanpur etwa 20 % der Bevölkerung ausmachen. Sie wohnen in unmittelbarer Nachbarschaft der Hindus, die in der Latouche Road einem für eine Industriestadt etwas sonderbarem Gewerbe nachgehen. Der Wagen hält am vereinbarten Treffpunkt vor der Feuerwache. Zwei Schweine schnüffeln im Straßengraben, sie lassen sich mühelos vertreiben und geben den Eingang frei zu einem großen Häuserkomplex. Eine steile Treppe führt zwei Stockwerke hinauf in die Wohnung von Satish Chaudhuri, dem Kastenältesten der Khatik, einer zwar numerisch kleinen Unberührbarenkaste, die aber wirtschaftlich sehr erfolgreich ist. Die Khatik sind Obst- und Gemüsehändler, einige von ihnen sind Schweinehalter. Ihr Name ist aus dem Sanskrit khatika abgeleitet, was Metzger und Jäger bedeutet. 1
Satish ist ein noch junger Mann Mitte dreißig, er ist weder alt noch der älteste Sohn, wie die deutsche Übersetzung seines Titels irreführend nahelegt. Den Titel chaudhuri führen alle seine Brüder, ja die ganze Verwandtschaft, denn sie gehören alle zur Familie von Mitthoo Lall, dem Borstenkönig von Indien. Satish nimmt das Bild von Mitthoo Lall von der Wand und läßt sich und seine Frau vor der Gebetsecke damit fotografieren, aber erst, nachdem beide gebadet haben.



Bild 1 Satish und seine Frau -- Bild 2 Portrait von Mitthoo Lall

Dieser Platz muß sein, das Heiligste in seinem Haus, nur so kann er seinem bedeutenden Vater die Ehre erweisen.
Die Firma Mitthoo Lall, Roshan Lall und Mangal Devi ist im Jahre 1910 gegründet worden. Mitthoo Lall nahm seine Schwester und einen Neffen als Miteigentümer in die Firma hinein. "Drei sind immer besser als einer und eine Schwester neigt dazu, eher einen familiären Zwist zu schlichten," meint sein einziger noch lebender Bruder auf die Frage nach der familiären Partnerschaft. Durch Manufaktur und Handel mit Schweineborsten in den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg ist Mitthoo Lall zum reichsten Borstenhändler Indiens aufgestiegen.
Zunächst war er Lieferant der einheimischen Bürstenindustrie. Die 1896 von den Engländern gegründeten Cawnpore Brush Factory hat den Bedarf nach Schweineborsten begründet und dafür gesorgt, daß Kanpur zum Zentrum der Indischen Borstenmanufaktur wurde.
Doch sein Handelsvolumen überstieg bei weitem den Bedarf der einheimischen Industrie, und im Jahre 1925 reichten seine Handelsbeziehungen bis nach England und Deutschland. Die kräftigen indischen Schweineborsten, Calcutta Borsten genannt, 3 waren damals sehr gefragt, ganz besonders zur Herstellung von Haarbürsten und industriellen Bürsten. Die lokal "zugerichteten" Borsten wurden per Eisenbahn nach Bombay gebracht und von dort aus nach London verschifft. Auf der Londoner Auktion, die bis zum Jahre 1969 stattfand, wurden die Borsten durch Makler verkauft. Die Inder hatten hier verschiedene Hürden zu nehmen, die die koloniale Wirtschaft ihnen aufbaute, die sie aber dennoch zu reichen Männern werden ließ. Zunächst erhielten sie einen Vorschuß vom sogenannten Importer, der eine Niederlassung in Indien hatte und direkt mit den Borstenzurichtereien verhandelte. Sie erhielten einen bestimmten Prozentsatz des auf der letzten Auktion erzielten Durchschnittspreises, der es ihnen erst ermöglichte, die Ware zu verschiffen. In London wiederum wurden die Borsten in einem Warenhaus ausgestellt, damit die Käufer die Qualität prüfen konnten. Der Makler erstelle für die viermal im Jahr stattfindenden Auktionen einen Katalog, der die Ware nach den Kürzeln - den sogenannten Marks - beschrieb und auflistete. Die Agenten, es waren eine kleine Gruppe von vier oder fünf traditionsreichen Familien, die schon lange im Rohstoffhandel waren, bezahlten dann den Hersteller nach Abzug der diversen Kosten für Versand, Warenhaus, Katalog etc.

Borstenzurichtung ist Frauen- und Männerarbeit

Borstengewinnung ist Handarbeit und hat sich von der Arbeitsorganisation her gesehen wenig verändert. Die Schweineborsten werden vom lebenden und toten Schwein mit der Wurzel ausgerissen. Das lebendige Schwein wird an den Hinterbeinen über den Ast eines Baumes hochgezogen. Es wird mit Asche eingerieben und die Borsten werden entfernt, was unter schrecklichem Quieken der Tiere geschieht. Es werden bevorzugt die Borsten längs der Wirbelsäule entfernt, weil sie die längsten sind. Beim toten Tier werden alle Borsten auf einmal entfernt. Die Entnahme der Borsten ist Arbeit der Männer, sie wird von den Kasten verrichtet, die Schweinehalter sind. Beim toten Tier geschieht die Entnahme auf dem Schlachthof durch die Untergruppen der Khatik, die Schweinemetzger sind. Die Borsten werden gebündelt und an die Borstenmanufaktur verkauft. Der Borstenfabrikant läßt das Rohprodukt selbst bearbeiten oder gibt die Arbeit an einen Subunternehmer aus, der die Arbeitskräfte anstellt und die einzelnen Arbeitsgänge des Kochens, Waschens, Trocknens, Sortierens, Bündelns, und Kämmens der Schweineborsten überwacht.
Der Mittelsmann wird nach Stückzahl der Büschel vom Unternehmer bezahlt und der entlohnt wiederum seine Arbeitskräfte. Zu den Arbeitsgruppen gehören sowohl Frauen wie Männer, wobei die Frauen überwiegend die Arbeit des Waschens der noch blutigen Borsten verrichten, die Männer hingegen das Sortieren, Stutzen und Bündeln. Die Frauen werden schlechter entlohnt als die Männer, was eine geschlechtsspezifische Diskriminierung ist und damit begründet wird, daß das Waschen ja weniger Fertigkeiten verlange als die anderen Zurichtungen. Die Arbeit in diesem unorganisierten Sektor der indischen Gesellschaft unterstand weder der Arbeitsgesetzgebung, noch hat die Gewerkschaftsbewegung hier Einzug gehalten und die Tarifverhältnisse mitgestaltet. Die Arbeitsbeziehungen sind informeller Art und stark von Verwandtschafts- und Kastenbeziehungen geprägt.
Borstenmanufakteure sind überwiegend die Khatik, Subunter- nehmer die Kori und Arbeitskräfte Kori, Khatik und Pasi, wobei die Kori das Gros der Arbeitskräfte stellten. Frauen und Männer arbeiten zusammen in Arbeitsgruppen, was Anlaß für Streitigkeiten bei den Kori war. Einige Kori wollten die Frauenarbeit ganz abschaffen, weil diese Liebeleien und Ehebruch Vorschub leisten würde.


Bild 3 Frau beim Borstenzurichten

Doch die Frauen haben sich dem mit Erfolg widersetzt, mitbestimmt durch die ökonomische Notwendigkeit, das schmale Familieneinkommen zu verbessern. Auch das weitere Argument, daß die Frauen die verunreinigende Tätig- keit des Waschens der blutigen Borsten aufgebe müßten, muß im Rahmen der "Sanskritisierungsbestrebungen" der Kori ver- standen werden, doch es wurde nicht gehört. 5 Die starke Stellung der Frauen bei den Unberührbarenkasten ist in der indischen anthropologischen Literatur ausreichend belegt und die Frauen der Khatik, Kori und Pasi sind ein gutes Beispiel dafür. 6

Mitthoo Lall wurde ein reicher Mann

Mitthoo Lall hat die "verachtete Nische" der indischen Ge- sellschaft zu seinem Vorteil genutzt und aus der Schweinehaltung für industrielle Zwecke Profit gezogen. Seinen Reichtum hat er geschickt in städtischen Grundbesitz umgesetzt, ein ganzer Häuserblock auf der Latouche Road gehört ihm und seinen Nachfahren. Das Ansehen in der weiteren Ge- sellschaft und den sozialen Aufstieg haben die Khatik wenig gekümmert. Es gab zwar eine kurze Phase, in der die Khatik versuchten, nach brahmanischem Vorbild gotras 7 zu bilden, doch das haben sie bald wieder sein gelassen. Sie haben auch nicht versucht wie andere Unberührbarenkasten Kanpurs 8 durch eine Veränderung der Genealogie einen höheren sozialen Status für sich zu beanspruchen, der wirtschaftliche Erfolg war ihnen genug, was Nawal Kishor, der Inhaber der Borstenfabrik Makund Lall und Söhne so ausdrückt: "Eine Hindu Religion gibt es überhaupt nicht, es gibt nur den Sanathana Dharm und den Arya Dharm. Die einen beten Statuen an und die anderen glauben an Gott in unpersönlicher Gestalt. Ich bin Arya Samaji und nehme nur das Wort Om 9 in den Mund. Außerdem glaube ich nur an das, was ich durch meine Arbeit erreichen kann, meine Arbeit ist meine Religion." Diese Aussage läßt an die berühmte religionssoziologische Untersuchung von Max Weber über die Entstehung des Kapitalismus aus dem Geist des Protestantismus in Europa erinnern. Auf Indien bezogen hatte Max Weber behauptet, daß der Kapitalismus nur Importprodukt sein kann. 10 Die Bürstenindustrie in Kanpur war zweifelsohne ein englisches Importprodukt und die Borstenzurichterei in ihrem Gefolge induziert. Doch Nawal Kishors Arbeitsethos klingt protestantisch.
Die Unbekümmertheit, mit der die Khatik die Reinheitsgebote des Hinduismus ignorieren, und das Selbstbewußtsein, mit dem die Borstenmanufakteure ihre verachtete Tätigkeit betrachten mag nur für die reichen Händler gelten, doch als Ausdruck eines Sanskritisierungsbestrebens kann es wohl kaum gedeutet werden, auch wenn die verstärkte Übernahme des Nachnamens Sonkar, wohl abgeleitet von Hindi Somkar - Mondlicht darauf hindeutet. 11 Der sozio-ökonomische Status der Khatik ist vergleichsweise hoch. Sie haben einen großen Anteil an wohlhabenden Mitgliedern durch den Borstenhandel. Außerdem gibt es viele Kahtik, die eine Universitätsausbildung absolviert haben und folglich in gut bezahlten und angesehenen Regierungsämtern sind. All das hat auch eine Rückwirkung auf ihren Kastenstatus: Die Khatik werden über der numerisch stärksten Unberührbarenkaste in Kanpur, den Chamar, eingeordnet. 12 Es war ein polititsches Ereignis, zu dem Mitthoo Lall sozusagen die Arena zur Verfügung stellte. Im Jahre 1942 kam der bedeutende Führer der Unberührbaren, Dr. Bhimrao Ambedkar, nach kanpur. Er wurde von den Führern der Kongreßpartei empfangen, die alle Kastenhindus waren, und die ihn im Gästehaus der britischen Unternehmerschaft, der Allen Retreat, unterbringen wollten. Doch damit war er nicht einverstanden, sondern bat darum, im Haus von seinesgleichen übernachten zu dürfen. So wurde Mitthoo Lall zum Gastgeber erkoren, nicht etwa deshalb, weil er sich besonders für die Belange der Unberührbaren eingesetzt hätte, sondern weil er der reichste Unberührbare der damaligen Zeit war. Dieser Besuch ist Babuji, dem 82jährigen Cousin von Mitthoo Lall auch deshalb noch in so lebendiger Erinnerung, weil Dr. Ambedkar alle Unberührbarenführer Kanpurs im Hause von Mitthoo Lall zusammenrief und sie alle miteinander essen ließ, um die auch zwischen diesen Kasten herrschenden Mei- dungsgebote zu durchbrechen. Das Haus ist heute eine Firma für landwirtschaftliche Geräte, vor der Satish Chaudhury und Nawal Kishor sich stolz fotografieren ließen.

Borstenhandel im unabhängigen Indien

Der Borstenhandel hat in den vergangenen 200 Jahren eine große Veränderung erfahren, was von der Art der Schweinehaltung abhängt, aber auch von politischen Veränderungen. Führender Borstenlieferant war im 19. Jahrhundert Rußland, aber auch Deutschland, was sich an der Wichtigkeit der jeweiligen Messen in St. Petersburg und Leipzig ablesen läßt. Hervorgerufen durch die politischen Unruhen in der folge des Ersten Weltkrieges durch die Rußland als Borstenlieferant ausfiel, gewann China und Indien als Borstenlieferanten zunehmend an Bedeutung. Auf das Handelsvolumen bezogen lieferte Indien zwar nur 1/10 der chinesischen Menge an Borsten, versorgte aber, durch die Handelspräferenzen der kolonialen Wirtschaft bedingt, einen anderen Markt. Indische Borsten, in den jeweiligen Statistiken als englische Borsten ausgewiesen, eben weil sie über London kamen, versorgten den englischen und besonders den europäischen Markt. Die USA hingegen waren der Hauptabnehmer für chinesische Borsten. 13 Diese Handelsbeziehungen waren zunächst durch den chinesischen Bürgerkrieg und durch die Neustrukturierung des Staatswesens unter kommunistischer Herrschaft im Jahre 1948 starken Belastungen ausgesetzt. Zu einem vollständigen Verbot der Einfuhr von Schweineborsten aus China kam es durch das amerikanische Handelsembargo, das im Zusammenhang mit dem Korea Krieg ausgesprochen wurde. Den amerikanischen Händlern war es sogar verboten, durch Drittländer chinesische Waren zu beziehen.
Dadurch tat sich in den Jahren von 1950 bis 1972 für Kanpurs Borstenzurichtereien und Borstenhändler ein neuer Markt auf. Da für die Amerikaner aus politischen Gründen der chinesische Markt geschlossen war, wichen sie auf den indischen Markt aus und versuchten, z.T. direkt aus Kanpur Borsten zu importieren, die sie für Zahnbürsten, Haarbürsten und, obwohl ungeeignet, für Malerpinsel verwandten. Sie unterliefen damit die Londoner Aution, was für die Inder insofern profitabler war, da die diversen Unkosten wegfielen. Erst nach der Öffnung des chinesischen Markts durch Richard Nixon im Jahre 1972 veränderte sich das Handelsglück. Die Chinesen konnten ein sehr viel größeres Volumen von Schweineborsten bei anderer Qualität und niedrigeren Preisen anbieten, ja Kanpurs Borstenhändler importieren selbst chinesische Borsten. 14 In Indien haben sich neue Märkte für Schweineborsten von nur regionaler Reichweite in Delhi, Sherkot und Bhijnor gebildet.
In der ersten und ältesten Industriestadt Indiens hat die indische Regierung die traditionsreichen Unternehmen übernommen und die meisten bei Beibehaltung eines nutzlosen Verwaltungsapparats geschlossen. So auch Kanpurs älteste Bürstenfabrik, die seit dem Jahre 1994 die Produktion eingestellt hat und deren staubige Geschäftsräume von vier Verwaltungsangestellten bewacht werden. Seit 10 Jahren müssen die Borstenmanufakteure nicht mehr bei der Industrie- und Handelskammer wegen zu geringem Umsatz eingetragen sein. Auf mündliche Umfrage war zu erfahren, daß noch sieben Borstenfirmen bestehen, von denen fünf in Händen der Khatik sind. Sechs Borstenhändler haben sich überwiegend auf den Handel mit chinesischen Schweineborsten spezialisiert. Die 12 Bürstenfabriken, über die statistische Angaben erhältlich waren, sind durchschnittlich höchstens 15 Jahre alt. 15 Darüber hinaus gibt es acht Borstenzurichter und neun Borstenhändler, die aber nicht registriert sind. Es sind nur noch einige wenige Firmen, die indische Schweineborsten auf den europäischen Markt exportieren. Das meiste an indischen Schweineborsten wird vom einheimischen Markt aufgenommen, dessen Bedarf enorm gestiegen ist. Besonders die Pinselherstellung für Malerpinsel hat an Bedeutung zugenommen durch den durch die neue ökonomische Politik der indischen Regierung ausgelösten Bauboom. 16



"Man ist, was man ißt"


Eine Reihe von Unberührbarenkasten, so die Pasi, Khatik und Bhangi halten Schweine. Eine Vielzahl von Unberührbarenkasten essen Schweinefleisch, so auch die Chamar. Der Verzehr von Schweinefleisch in Kanpur hat zugenommen, ja es gibt Schweine, die ausschließlich zur Fleischgewinnung gehalten werden. Stolz zeigten die Khatik ein dickes weißes Schwein, das angeblich chinesischer Abstammung sein soll. Da die chinesischen Schweine aber ursprünglich so wie die indischen Schweine schwarz waren, kann hier nur vermutet werden, daß es sich um das Einkreuzen einer europäischen Rasse handelt, die dann via China nach Indien gekommen ist. 17
Dieses Schwein wird in einem Verschlag gehalten und gemästet. Es läuft nicht wie seine schwarzen Artgenossen frei in den Straßen herum. In der anthropologischen Literatur sind die Angaben darüber, welche Kasten Schweinefleisch essen, ungenau und unvollständig. 18 Regionale Unterschiede dürften zum einen dafür verantwortlich sein, zum anderen wird deshalb nicht näher auf die Schweinehaltung eingegangen, weil das Schwein und die Kasten, die mit ihm Umgang haben, als unrein gelten. Für die Religionsgruppen der Sikhs, Parsen und Christen ist der Verzehr von Schweinefleisch erlaubt, die Mutmaßungen darüber, wer allerdings tatsächlich Schweinefleisch ißt, variiert nach Bezugsgruppe und sozialem Status. Die Khatik behaupten, daß alle, sogar die Muslims Schweinefleisch essen würden, obwohl es für sie von der Religion her verboten ist. Für den urbanen Kastenhindu ist Schweinefleisch die Nahrung der armen Arbeiterbevölkerung Kanpurs und wird in einem Atemzug mit dem Konsum von Alkohol genannt. Für den gebildeten Unberührbaren ist der Verzehr von Schweinefleisch hingegen etwas, was seine ungebildeten und armen Kastenbrüder tun und was er vielleicht einmal früher, als er noch jung war, getan hat.
Schweine sind Allesfresser, sie fressen Unrat, Fäkalien und Aas. Für den Kastenhindu und den Muslim sind sie unreine Tiere. Zu den reinen Tieren gehören Kuh, Wasserbüffel, Schaf und Ziege. Begründet wird dies damit, daß diese Tiere Gras fressen. Dennoch darf ein Kastenhindu Hühnerfleisch essen, ja Huhn ist in weiten Teilen Indiens die bevorzugte Fleischnahrung, obwohl Hühner Würmer und Unreinheiten aufnehmen.
Außerdem wird zwischen heiligen und profanen Tieren unterschieden. Tiere,die als heilig gelten, sind die vahanas oder Fahrzeuge der Götter. Dazu gehört auch die Ratte als Fahrzeug des Elefantengottes Ganesha und der Geier des Gottes Sani. 19 Das sind Tiere, die Unreinheiten aufnehmen, Krankheiten übertragen und Aas fressen. Tiere, die als heilig gelten, dürfen nicht getötet werden.
Eine herausragende Bedeutung hat die Kuh als heiliges Tier der Hindus. Der Gott Brahma soll die Kuh und die Priester zur gleichen Zeit geschaffen haben. Die fünf Ausscheidungen der Kuh gelten als heilig und werden, so Milch und Butterfett, den Göttern geopfert. Der Kuhdung darf auch von der Frau aus den preiserkasten verarbeitet werden und wird zur rituellen Reinigung verwandt. Die Kuh ist für den Hindu die Mutter Indiens, und eine Mutter tötet man nicht. Doch kann man hier nicht von der Gesamtheit der Hindus sprechen, sondern besser von einer brahmanischen Tradition. Die Unberührbaren hingegen essen Kuhfleisch, halten sich aber weitgehend an das Tötungsverbot der Kuh. 20 Da sie u.a. auch als Abdecker Arbeiten, wurde Ihnen das Aas der eines natürlichen Todes gestorbenen Tieres zum Verzehr überlassen. 21
Für den Muslim ist die Kuh ein reines Tier, das gegessen werden darf. Für den Hindu unterliegt die Kuh aber dem Tötungsverbot, das in der Kuhschutzbewegung auch auf die Muslime ausgedehnt wurde. Das wird auch heute lautstark von den Khatik propagiert, mit einem furchteinflößendem Unterton: "Na warte, wenn die Muslims eine Kuh töten, dann gehen wir ihnen an den Kragen." Die indischen Muslims essen deshalb kein Kuhfleisch, sondern verzehren statt dessen das Fleisch von Wasserbüffel. In der Vergangenheit war das Töten einer Kuh oft genug Anlaßt für Hindu- Muslim Ausschreitungen. Die Muslims und die Khatik sind die Bevölkerungsgruppen, die Tiere zum Verzehr schlachten. Sie haben ihre Schlachthäuser in entgegengesetzten Teilen der Stadt. Es sind dem Gesundheitsamt der Stadtverwaltung unterstehende Schlachthöfe, die aber von unseren hygienischen Vorstellungen weit entfernt sind. Wichtig ist, daß Untergruppen der Muslims und der Khatik, die sich auf das Metzgerhandwerk spezialisiert haben, den gleichen Gruppennamen führen. Es sind die Muslims Chik, die Wasserbüffel und Ziegen im Schlachthof Bakarmandi - was so viel heißt wie Ziegenmarkt - nach der Methode des Schächterns schlachten. Die Khatik Chik hingegen schlachten Ziegen und Schweine im Schlachthaus in Fazalganj, der auch gleichzeitig der Schweinemarkt ist.
Geschlachtet wird durch einen Stich ins Herz. Das herausströmende arterielle Blut wird aufgefangen, man läßt das Tier aber nicht ausbluten. "Es schmeckt saftiger so", sagen die Khatik, geben aber zu, daß das Fleisch mit hohem Blutgehalt auch schneller verdirbt.

Tier und Mensch


Es hat immer wieder Versuche gegeben, die auf der Reinheit und Unreinheit von Menschen und Tieren beruhende Hierachie zu systematisieren und gleichzusetzen, so als ob der menschliche und der tierische Kosmos auf den gleichen Strukturprinzipien beruhe. 22 Die Kuh als heiliges Tier wird mit den Brahmanen, den Priestern, die im indischen Kastensystem die höchste Kaste darstellen gleichgesetzt. Die Unberührbaren sind die niedrigste Kaste im Kastensystem und werden auch in ihren persönlichen Eigenschaft mit dem Schwein als unreinem Tier in Verbindung gebracht. Das Schwein und die Unberührbaren werden deshalb als unrein betrachtet, weil sie mit unreinen Substanzen arbeiten oder mit diesen in Berührung kommen. Das sind solche Substanzen, die durch den Lebensprozeß entstehen, so die Ausscheidungen des menschlichen Körpers, aber auch der ganze Bereich, der mit dem Tod zu tun hat. Traditionellerweise gehören zu den Unberührbarenkasten der Wäscher, der Straßenkehrer, die Putzfrau/-mann, aber auch der Frisör, der Schuster, die Hebamme, der Abdecker und der Leichenwäscher. So wie das Schwein Unrat frißt, so müssen die Unberührbaren den Schmutz der oberen Kasten aufnehmen und verarbeiten.
Phänomenologisch ist die Gleichsetzung zwischen den Unberührbarenkasten und den Schweinen insofern augenfällig, als die meisten Unberührbarenkasten in einer schmutzigen Umgebung leben, in nächster Nachbarschaft mit Unrat und Müll. Immer wieder fallen die Müllberge am Straßenrand auf, die auch in den besten Wohngebieten von Kanpur aufgeschüttet sind. Sie werden gleichermaßen von Straßenkehrerinnen und Schweinen nach noch Freß- oder Verwertbarem untersucht.
Aber nicht nur das: Auf den Müllbergen weiden ebenfalls die Kühe. In der gemeinsamen Nahrungssuche entziehen sich das reine und das unreine Tier traut vereint der kategorialen Einordnung des Menschen.
Auch der Satz: "Der Mensch ist, was er ißt", stimmt nicht. Dieses substantivistische Verständnis der hierarchischen Einordnung von Mensch und Tier ist zwar in der indischen Kastentheorie verankert und gehört damit zur herrschenden Ideologie, ist aber in sich nicht stimmig, um den Kastenrang zu erklären. Sozioökonomische Faktoren und das Konzept der einer Kaste innewohnenden Qualitäten spielen bei der Definition des Kastenranges ebenfalls eine entscheidende Rolle. Es gibt viele Unberührbarenkasten, die keinen verunreinigenden Beruf ausüben, die aber weiterhin als unberührbar gelten, weil sie arm und bedürftig sind. Da die Unberührbarkeit als Seinsdefinition angesehen wird, läßt sie sich auch nicht einfach abwaschen und damit verändern. 23

Das Schwein bringt Reichtum und Fruchtbarkeit

Auf die Khatik bezogen ist ja schon erwähnt worden, daß sie sich herzlich wenig um die Reinheitsgebote des Hinduismus gekümmert haben und daß ihnen ihr wirtschaftliches Fortkommen immer wichtiger war. Jeder beherrschenden Ideologie steht eine Kultur der Beherrschten gegenüber, die als Kultur der Stigmatisierten ihre eigene Kraft und Dynamik besitzt. Da nach der brahmanischen herrschenden Ideologie die Unreinheit der Oberen psychoanalytisch betrachtet abgespalten wird, muß sie ausgegrenzt werden, um nicht potentiell gefährlich zu werden 24. Eine ganze Kultur, die keine Verantwortung für die eigenen Schattenseiten übernimmt, die jeglichen Unrat unter sich läßt in der Gewißheit, daß noch ein niederer kommt, um es wegzuräumen, räumt demjenigen, der dies tut, psychoanalytisch gesehen, eine große Macht und Gefährlichkeit ein. Die Geschichten, Mythen und Erzählungen der Unberührbaren sind voll von dieser Macht und Gefährlichkeit, die sich auch auf das Schwein bezieht. Die Geschichte von der Chamar Göttin Chamaria Mai ist ein Beispiel dafür. Chamaria Mai ist so stark, daß niemand sie besiegen kann. Wenn sie verfolgt wird, dann versteckt sie sich im Schmutz. Wenn sie von einem Muslim verfolgt wird, dann versteckt sie sich im Schweinestall, den er nicht betreten kann. Ihr wird ein Ferkel geopfert, das ihr zusammen mit Alkohol dargebracht wird. 25
Das Schwein ist für die Unberührbaren Ausdruck der Fruchtbarkeit, des Genusses, der Kraft und Stärke und des Schutzes. Es wird etymologisch nicht unterschieden zwischen dem Wild- und Hausschwein, das Schwein ist sowohl domestiziert als auch wild, d.h. es hat die Stärke der wilden Spezies beibehalten. Diese Kraft ist in dem Mythos des Ebers, der die in urwassern versunkene Erde hob und auf seinen Hausern aus den Fluten rettet, noch spürbar. Dieser Mythos ist vorarischen Ursprungs, wird aber insofern mit Visnu identifiziert, als der Eber, varaha als dritte Reinkarnation von Visnu aufgenommen wurde. 26
Durch den Verzehr von Schweinefleisch wächst dem Menschen Kraft zu, die dieser aus den fruchtbaren Eigenschaften des Schweins zieht. Zu Hochzeiten und Kastenfeierlichkeiten wurde Schweinefleisch serviert. Diese Mahlzeiten haben einen hohen sozialen und kulturellen Stellenwert. Der Schutz des Schweins wird durch das Opfer erfleht, das der Göttin bei Krankheit dargebracht wird. Als Opfertier wird in diesem Fall ein Ferkel genommen.
Ein gemeinsames autochthones kulturelles Erbe der Unberührbarenkasten ist die Göttinnenverehrung. Sie wird zwar mit Formen der brahmanischen Hochkultur in Verbindung gebracht, hat aber eigenständige Traditionen bewahrt. Diese sind nach Kaste verschieden. Die Chamaria Mai ist die Schutzgöttin der Chamar, das Javana Ritual ist die Eigenart der Kori. Gemeinsam ist allen Unberührbarenkasten die Verehrung der Ma, der Mutter, die keine Gestalt hat. Diese Göttinnen werden allgemein mit den sieben Schwestern assoziiert. Das sind die Göttinnen der Krankheit, die im Schmutz leben, und die als die Gemahlinnen von Shiva angesehen werden. 27 Sie sind machtvolle Göttinnen, die das Leben geben und Leben nehmen. Ihnen muß ein Schwein geopfert werden, um sie zu besänftigen. Durchgängig ist auch für die Unberührbarenkasten die Verehrung für Vindhyachal, der Göttin von den Vindhya Bergen im Mirzapur District, zu der zwei Mal im Jahr zu Beginn des Sommers und zu Beginn des Winters gepilgert wird. Satish Chaudhuri nimmt an diesen Pilgerfahrten mit seiner Familie teil. Der Göttin wird allerdings kein Schweineopfer mehr gebracht, es ist durch ein Ziegenopfer ersetzt worden. Das Tieropfer ist für die Göttin, die mit Kali assoziiert wird 28, beibehalten worden.

Hindu-Muslim Auseinandersetzungen in Kanpur

Die potentielle Gefahr, die in der kulturellen Konstruktion dieser Abspaltung besteht, ist durch eine Verkettung ökonomischer, sozialer und politischer Ereignisse virulent geworden. In der Industriestadt Kanpur gibt es etwa gleichviel Muslims (20 %) wie Unberührbare (16 %). 29 Kanpurs industrielle Entwicklung hat sowohl mit der Gründung von Baumwollspinner und -webereien und einer Sattel- und Zaumzeugfabrik begonnen, der später Stiefel- und Schuhfabriken folgten. Im Zusammenhang mit diesen britischen Gründungen haben sich auch Gerbereien angesiedelt, die von Muslims betrieben wurden und überwiegend Muslims als Arbeitskräfte einstellten, aber auch Unberührbare, die ja selbst traditionelle Lederarbeiter sind. Nur einige wenige Muslims brachten es aber zu Reichtum und Ansehen, das Gro der Muslims arbeitete als Arbeiter in den Gerbereien, in der Textilindustrie oder verdingte sich im Handel. Die Muslims hatten damit ungefähr den gleichen sozialen Status wie die Unberührbaren, die auch bevorzugt als Arbeiter im organisierten und unorganisierten Bereich der Industrie beschäftigt waren.
Vor dem Ersten Weltkrieg sollen die Beziehungen zwischen Hindus und Muslims in der Stadt Kanpur gut und freundschaftlich gewesen sein. 30 Doch im Laufe der nationalistischen Agitation der Kongreßpartei nach dem Ersten Weltkrieg kam es im Jahre 1931 zu gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen Hindus und Muslims in Kanpur, im Laufe deren 400 Personen ermordet und 1200 verletzt wurden. Tempel und Moscheen sowie Läden und Häuser gingen in Flammen auf. 31 Es kam zu einem weitgehenden Exodus von Muslims aus Hindustadtteilen, ebenfalls zogen Hindus aus Muslimstadtteilen aus. Erst nach diesen Ausschreitungen nahmen sich die Kommunisten gezielt des Ausgleichs zwischen Hindus und Muslims innerhalb der Gewerkschaftsbewegung an. 32 Doch das Mißtrauen zwischen Hindus und Muslims ist geblieben.
Im Dezember 1992 kam es erneut zu einem Ausbruch von Gewalt zwischen Hindus und Muslims in Kanpur. Anlaß war die Erstürmung der Babri Masjid in Ayodhya durch fanatisierte rechtsgerichtete Hindus, was das Fanal für einen kommunalen aufstand in Kanpur setzte. Besonders die Armen waren in Mitleidenschaft gezogen, 600 bis 800 Personen wurden ermordet, wobei 70 % der Opfer Muslims waren, bei den Hindus waren es überwiegend Unberührbare, die ihr Leben lassen mußten. Viele Leichen wurden in diesem Blutrausch gar nicht gefunden. So konnte den hinterbliebenen Familien auch keine Unterstützung und Entschädigung gezahlt werden, sie waren auf Formen der privaten Hilfstätigkeit angewiesen.
Doch damit waren die Konten noch nicht ausgeglichen, denn kommunale Ressentiments, kulturelle Eigenheiten und religiöse Empfindlichkeiten wurden durch die Hindunationalistische Politik der Bharatiya Janata Party, zu deren lasten auch das Ayodhya Massaker gegangen war, weiter ausgenützt. Erklärter Feind des Hindutva Slogans der BJP: " Indien den Indern", waren die Muslims. Der BJP in Kanpur gelang es, eine Fraktion der Khatik auf ihre Seite zu ziehen und sie gegen die Muslims zu benutzen. Kala Bacha, schwarzes Kind, wie dieser Held der dunklen Seite genannt wurde, war ein Khatik, der sich aufden Diebstahl von Schweinen verlegt hatte. Erklärt wird dieses Abrutschen in die Kriminalität mit dem Verlust der sozio-ökonomischen Position der Khatik durch den Rückgang der Borstenzurichtung und des Borstenhandels. 33
Kala Bacha hatte sich als unabhängiger Kandidat für die Wahlen zur Stadtverordnetenversammlung aufstellen lassen, trat danach der Hindu-nationalistischen Partei BJP bei und wurde Kanpurs BJP Vorsitzender. Bei den 92er Unruhen spielte er, wie sich der Pioneer vorsichtig ausdrückt, eine heldenhafte Rolle, indem er den Khatik, die in Muslim Stadtteilen wohnen und fliehen mußten, aktive Unterstützung zukommen ließ, was er sonst noch tat, wird diskret verschwiegen. 34
Am 9. Februar 1994 wurde Kala Bacha, der mit seinem Schwager auf einer Vespa fuhr, von zwei Männern angegriffen und durch mehrere Bomben getötet. Sofort verbreitete sich das Gerücht, daß die Mörder Muslims seien. Gewalttätigkeiten brachen aus, die durch Protestdemonstrationen der BJP angeheizt wurden. Vier Personen verloren ihr Leben und 12 Häuser wurden angezündet. Es ist dem entschlossenen Handeln des District Magistrate zu verdanken, der sofort eine Ausgangssperre verhängte und das Militär zur Unterstützung rief, daß es nicht zu einem allgemeinen Aufstand kam. 35
Sowohl von der englischsprachigen Presse wie vom District Magistrate wurde verbreitet, daß es sich bei diesem Mord um eine interne Auseinandersetzung zwischen zwei kriminellen Gruppen handeln würde, die nichts mit irgendwelchen kommunalistischen Ressentiments zu tun hätte. Die Politik des Abwiegelns bei gleichzeitigem harten Durchgreifen - die Familie von Kala Bacha samt der Spitze der BJP landeten zeitweise im Gefängnis - machte sich insofern bezahlt, als sich die Unruhe nicht ausbreiten konnte.

Auf dem Schlachthof

An dieser Stelle soll der Exkurs in die Politik beendet werden. Es gilt, noch viel Neues in Augenschein zu nehmen. Am 23.2.1996 geht es zum letzten Mal in die Latouche Road, diesmal aber früh am Morgen. Satish Chaudhury ist noch nicht wach, es dauert eine Weile, bis er seinen Cousin Munna, den Schweinemetzger geweckt hat. Heute soll es zum Schlachthaus nach Fazalganj gehen, um den Weg von der Borste bis zum Schwein zurückzuverfolgen. Satish erweist sich als guter Führer. Er weiß auch um die Unsicherheiten der Beobachterin, die das Quieken der in Todesangst schreienden Schweine schwer ertragen kann. Das Schlachthaus ist von der Stadtverwaltung eingerichtet worden, es ist nur für die Khatik da, die hier Schweine und Ziegen schlachten. Munna erweist sich als der Kundigere, ist er doch auch Schweinehändler, der auf Vorschuß kauft und verkauft, ohne daß eine Geldnote zu sehen ist.
Der Schlachthof ist ein großer, gepflasterter Hof, der als Umschlagplatz dient für die vielen Schweine, die von den Dörflern hereingetrieben werden. Hier können die Schweine auch ein paar Trage zwischengelagert werden, bis sie in den großen Lastwagen weitertransportiert werden. "Die werden in Assam verkauft, da erzielen sie höhere Preise," sagt Satish Chaudhury. Die Schweine, die städtischen jedenfalls, werden auch auf der Riksha geliefert, verschnürt und gebündelt. Die Schweinemetzger sind schon da, unter ihnen auch eine Frau, die in ruhigem Gleichmut wartet, bis sie das Exemplar bekommt, das sie an diesem Tag verarbeiten kann.
Die jungen Metzger zeigen stolz ihre langen, gebogenen Messer. Der Stich ins Herz ist gezielt, das aterielle Blut wird aufgefangen und später zu Blutwurst verarbeitet. Auch Salami gibt es, die wird aber anders gewürzt als die Blutwurst. Die Borsten werden ausgerissen, schnelle und zügige Arbeit der jungen Männer. Dann folgt das Abfackeln auf einem Rost unter einem Wellblechdach. Die Haut wird in einem Wasserbasin gereinigt, dessen dunkelbraune Brühe wohl selten gewechselt wird. Nach dem Abtrennen des Kopfes wird das Schwein mit seinen Innereien an den Metzger verkauft und auf der gleichen Riksha wieder abtransportiert.
Die Honoratioren haben sich inzwischen in das Teehaus zurückgezogen, unter ihnen auch der Schweinekönig von Kanpur, ein großer schöner Mann, der als Zeichen seines Status ein weißes Tuch wie einen Turban um den Kopf gebunden hat.
Ihm gehören 20 000 Schweine, die in der Zweimillionenstadt Kanpur frei herumlaufen, sein Zeichen tragen und von Schweinehirten beaufsichtigt werden. Die ältestes Industriestadt Indiens ist in eine agrarische Produktionsweise zurückgefallen, indem Viehhaltung professionell in ihren Mauern betrieben wird. Die Spuren des Borstenkönigs verfolgend, ist der wirtschaftliche Verfall der ältesten Industriestadt Indiens deutlich geworden. Der Borstenkönig lebt nicht mehr, sein Imperium gehört einer vergangenen Zeit an. Seinen Platz hat der Schweinekönig eingenommen.

Dr. Maren Bellwinkel-Schempp, September 1996

(Maren Bellwinkel-Schempp hat in den Jahren 1972 bis 1974 in Kanpur, Uttar Pradesh, Indien über eine Gruppe von unberührbaren Industriearbeitern geforscht. Daraus ist eine Dissertation im Fach Ethnosoziologie entstanden. In den vergangenen drei Jahren haben die Khatik, eine Kaste von Schweinemetzgern und Schweinehirten, ihr Interesse geweckt, die in den 30er Jahren durch die Borstenzurichterei und den Borstenhandel mit England und Deutschland reich geworden sind. Sie möchte weiter über das Thema Borstenhandel und die Veränderung der Borstenzurichterei in historischer Perspektive arbeiten und würde sich über alle Zuschriften freuen, die die weitverzweigten internationalen Beziehungen dieses sehr speziellen Rohstoffhandels aufzeigen).



Dr. Maren Bellwinkel-Schempp



1 Singh, K.S.: The Scheduled Castes. People of India, Anthropological Survey of India, Oxford University Press, Delhi 1993, S. 726
2 Stolz wird berichtet, daß gelernte Bürstenmacher aus England die einheimischen Arbeiter instruierten, und daß die Fabrik schon damals elektrifiziert war. Vermerkt wird auch, daß alle möglichen Bürsten hergestellt wurden, der Hauptabnehmer war vor allem die Armee. Siehe: Nevill, H.R.: Cawnpore, A Gazetteer. Allahabad 1909 S. 82
3 Carl Grüb: Die Deutsche Bürstenindustrie. Inauguraldissertation an der Hohen Philosophischen Fakultät der Ruprecht Karls Universität Heidelberg, Schopfheim 1924 4 Die Informationen über die Londoner Auktion, ganz besonders ihre zeitliche Datierung, verdanke ich einer ausführlichen schriftlichen Darstellung von Michael Barber, dem inzwischen pensionierten Inhaber der Firma Edward Barber und Söhne
5 Dieser Begriff ist von den indischen Sozialanthropologen M.N. Srinivas in den 60er Jahren geprägt worden und steht für den Versuch von Unberührbarenkasten, durch eine Veränderung ihres Verhaltens nach dem Vorbild der Priesterkaste einen Anspruch auf einen höheren Kastenstatus durchzusetzen. Siehe: Srinivas, M.N.: Social Change in Modern India. Berkeley and Los Angeles 1966. Für den Sanskritisierungsprozeß bei den Kori: Siehe Molund, Stefan: First We Are People. The Koris of Kanpur between Caste and Class ... Stockholm
6 Cohn, Bernard S.: Changing Traditions of a Low Caste. In: Journal of American Folklore 71, 1958, S. 413-421 und Briggs, George Wasten: The Chamars. Calcutta 1920
7 gotras sind Untergruppierungen der oberen Kasten, die exogam sind, d.h. Braut und Bräutigam müssen aus verschiedenen gotras stammen.
8 Siehe hierzu die Jaisvara-Rajput Bewegung nach: Bellwinkel, Maren: Die Kasten-Klassen Kontroverse im städtisch-industriellen Bereich. Historisch-empirische Fallstudie über die Industriestadt Kanpur in Uttar Pradesh. Wiesbaden 1981, S. 199 und die Kori-Rajput Bewegung nach: Molund, a.a.O., S. 209
9 Das Urwort Om hat mystisch-kultische Bedeutung und be- zeichnet die Essenz des Göttlichen.
10 Weber, Max: Gesammelte Aufsätze zur Religionssoziologie, Band II. Hinduismus und Buddhismus. Tübingen 1920, S. 110
11 Diese These wird von Ram vertreten. Siehe: Ram, Nandu: Beyond Ambedkar: Essays on Dalits iin India. New Delhi 1995, S. 165
12 Ram, Nandu: The Mobile Scheduled Castes. Rise of a New Middle Class. Delhi 1988, S. 25
13 Wagman, Howard M.: Bristle and it's Importance to the American Paint and Brush Industry. MBA Thesis in Marketing, University of Pennsylvania 1952. Die Firma Howard Wagman war selbst führend im Chinahandel.
14 Borstenzurichtereien und Borstenhändler sind traditionsreiche Familienbetriebe, die von Vater auf Sohn vererbt werden. So waren die deutschen Firmen, die von MLDL, das war der Handelsname von Mitthoo Lall, beliefert wurden, leicht auszumachen. Howard Wagman war selbst in den 50er Jahren in der Latoucheroad und hat Mitthoo Lall besucht. Gespräch am 25.4.1996 auf der INTERBROSSA, Fachmesse für Bürsten- und Pinselindustrie und deren Zulieferanten in Freiburg.
15 Directorate of Industries, Kanpur
16 Diese Information verdanke ich Pavan Sood, Inhaber der Firma Indian and Overseas Trading Company. Sein Vater, Sudharshan Sood ist Vorsitzender der Indian Brizzlmanufacturers Association. Diese Firma, die "Punjabis" gehört, hat den Khatik in der Latouche Road den Rang abgelaufen. Sie sind heute Kanpurs reichste Borstenmanufakteure und Borstenhändler.
17 Die Information verdanke ich Professor Geldermann von der Universität Hohenheim. Seiner Meinung nach handelt es sich um "large white", was augenfällig ist.
18 Im People of India Survey des Census Commissioners wird nur darauf eingegangen, daß bestimmte Unberührbarenkasten Fleisch essen. Was sie verzehren, wird offen gelassen. Nur bei einer Untergruppe der Khatik wird erwähnt, daß sie Schweinehirten sind. Siehe: Singh, K.S.: The Scheduled Castes. People of India, Anthropological Survey of India, Oxford University Press, Delhi 1993, S. 302, 726. Nur im Fall der Dhanuk wird behauptet, daß die Tatsache dessen, daß sie Schweine aufziehen dazu geführt hat, daß sie ihren reinen Kastenstatus als zu den Ahir gehörend verloren hätten, a.a.O.S. 425.
19 Wilkins, W. J.: Hindu Mythology, Vedic and Puranic (first published 1882), Calcutta 1982, S. 448 f
20 Manchmal haben die Unberührbaren auch nachgeholfen, damit eine Kuh starb. Das Vergiften einer Kuh wird von Briggs, a.a.O. S. 52 berichtet. Durch das Erstarken der Dalit- Literaturbewegung ist diese Praxis einem breiten Publikum bekannt geworden, wenn auch in der jeweiligen Landessprache.
21 Der Verzehr von Aas gehört zu einer verschwiegenen Tradition, die bislang nur in ihrer Negation einem westlichen Publikum vertraut war. Der Unberührbarenführer Dr. Bhimrao Ambedkar hat sich entschieden dagegen ausgesprochen. Siehe hierzu: Keer, Dhananjay: Dr. Ambedkar: Life and Mission, Bombay 1954. Die erste Untersuchung, die sich detailliert damit auseinandersetzt ist: Randeria, Shalini: The Politics of Representation and Exchange among Untouchable Castes in Western India (Gujarat), Dissertation, Berlin 1992.
22 Siehe hierzu besonders: Dumont, Louis: Homo Hierarchicus. The Caste System and its Implications. London 1972 und die Kritik von: Das, Veena: Der anthropologische Diskurs über Indien. Die Vernunft und ihr Anderes. In: Berg, Eberhard und Fuchs, Martin (Hrsg.): Kultur, soziale Praxis, Text. Die Krise der ethnographischen Repräsentation. Frankfurt 1993, S. 402-425. Veena Das weist darauf hin, daß Dumont die brahmanische Sichtweise übernommen hat.
23 Böck, Monika und Aparna Rao: Aspekte der Gesellschaftsstruktur Indiens: Kasten und Stämme. In: Rothermund, Dietmar (Hrsg.): Indien: Kultur, Geschichte, Politik, Wirtschaft, Umwelt. Ein Handbuch. München 1995, S. 112 - 130
24 Douglas, Mary: Purity and Danger: An Analysis of Concepts of Pollution and Taboo. New York 1966
25 Eigene Erhebung, Sept. 1977
26 Horstmann, Monika: Die gestalthaften manifestationen (avatara) von Gott Visnu. In: Mallebrein, Cornelia (Hrsg.): Die anderen Götter. Volks- und Stammesbronzen aus Indien. Köln 1993, S. 103 - 111, S. 90 - 102, S. 92 und Trivedi, S.D.: Sculputures in the Jhansi Museum. The Government Museum, Jhansi 1983
27 Briggs, George: The Chamars. Calcutta 1920, S. 138
28 In Vindhyachal soll eine der pithasthanas, Leichenteile von Devi, der Gemahlin Shivas, verehrt werden. Der Legende nach hat Shiva in rasender Trauer seine tote Gattin zerrissen, deren 51 Körperstücke in unterschiedlichen Tempeln verehrt werden, eine davon am Fuß der Vindhyaberge. Siehe Dowson, John: A Classical Dictionary of Hindu Mythology and Religion, Geography, History and Literature, London 1968, S. 87, S. 235
29 Census of India, 1961: Uttar Pradesh District Handbook 27, Lucknow, Superintendent Printing and Stationary 1965
30 Molund, a.a.O.S. 42 31 Barrier, N. Gerald: Roots of Communal Politics. New Delhi Arnold Heinemann 1976 32 Pandey, S.M.: As Labour Organizes. A Study of Unionism in the Kanpur Cotton Textile Industry. New Delhi 1970
33 Der Diebstahl gelang Kala Bacha dadurch, daß er den Schweinen sein aufdrücken ließ. Das erinnert an den Vieh- diebstahl im wilden Westen der USA der nach gleichen Methoden vonstatten ging. Subhashni Ali Ex-MP der CPM und Daulat Ram, District Vorsitzender der CPM verdanke ich diese Analyse, die mir insofern glaubhaft erscheint, als Daulat Ram, selbst ein Kori, die Borstenmanufaktur deshalb genau kennt, weil traditionellerweise die Kori als Arbeitskräfte in der Borstenmanufaktur beschäftigt waren.
34 Kala Bacha war aktiv an den Unruhen beteiligt, wie teils mit Bewunderung, teils mit Schaudern von den Khatik zugegeben wird, die kein Hehl daraus machen, daß die Mus- lims ihre erklärten Feinde sind.
35 The Pioneer, 10., 11, 13., 14., 15., 16., 17., 18., 21. Februar 1994










Transport von zwei Schweinen auf einer Riksha.



Straßenkehrer und Schweine auf Müllhaufen.



"Schweinekönig"
Indische Borstenexperten präsentieren sich für ein Photo der Autorin des Artikels, Frau D. M. Bellwinkel-Schempp, für BROSSA PRESS.


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